Event & Aktion

"Body-Flying" und Surfen auf der Dauerwelle

Gleiten, Schweben, Fliegen: Die Freizeitindustrie macht solche Erlebnisse für immer mehr Menschen realisierbar. Mehr als Besitztümer zählen für viele heute spektakuläre oder kuriose Erinnerungen. Mal richtig Baggern zum Beispiel.

TAUFKIRCHEN. Die meisten Männer haben vermutlich nie vom Baggerfahren geträumt. Bis Jochen Schweizer es als Insigne der Männlichkeit auf den Markt brachte und Frauen ihre Männer zum Geburtstag damit beschenkten. Die Fahrt auf dem Baugerät gehört mit Oldtimer- oder Rennautofahren, Fliegen mit diversen Fluggeräten, House-Running und Tandem-Fallschirmsprüngen zu den Angeboten des Unternehmers, der seit Jahrzehnten ungewöhnliche Erlebnisse verkauft und als Wegbereiter des Bungeespringens in Deutschland gilt. 

Wir machen außergewöhnliche Erlebnisse zugänglich, in einem urbanen und sicheren Umfeld" Jochen Schweizer

Jetzt eröffnete Schweizer, bekannt auch aus der Vox-Sendung "Höhle der Löwen", in Taufkirchen bei München eine Arena, die jährlich 300 000 Besucher anlocken soll. Sie können "Indoor-Skydiving" probieren, im Windkanal fliegen oder auf der künstlichen Welle surfen. Im Sommer kommen Hochseilgarten, Seilrutschen und Abenteuerspielplatz hinzu.

"Wir machen außergewöhnliche Erlebnisse zugänglich, in einem urbanen und sicheren Umfeld", sagt Schweizer. Damit liegt er im Trend. Weltweit locken spektakuläre Freizeit-Events. In Los Angeles bietet eine gläserne Rutsche an Wolkenkratzern im 70. Stock Nervenkitzel. In Singapur schwimmen Badegäste im berühmten Infinity-Pool auf rund 200 Metern Höhe vor der Skyline der Metropole scheinbar ins Nichts. Unterwasserhotels versprechen ein Aufwachen zwischen Haien in mondänen Suiten. Angehende Weltraumtouristen, die es sich leisten können, haben einen Platz für den ersten Urlaubstrip ins All reserviert.

"Die Tourismusregion München und Oberbayern und die beteiligten Unternehmen profitieren insgesamt von einem attraktiven, ganzjährigen und wetterunabhängigen Freizeit- und Tourismusangebot und neuen Gästen." Bayerns Wirtschaftsministerium

Regelrecht bodenständig nehmen sich da Angebote hiesiger Urlaubsorte aus, die mit Wellness-Bädern inklusive rasanten Wasserrutschen, Hochseilgärten, ausgefeilten Klettersteigen samt Hängebrücken und weitläufigen Ski-Arenen locken.

Naturschützer kritisieren den Ausbau der Berge, betrachten aber auch Indoor-Aktivitäten mit Vorsicht. "Einerseits ist eine Kanalisierung derartiger Aktivitäten am Stadtrand von München natürlich besser als wenn das jeder im Gelände macht", sagt Christine Margraf vom Bund Naturschutz in Bayern. Allerdings könnten hier Bedürfnisse geweckt werden, die mancher dann auch in der Natur erleben wolle.

So high #bodyflying #jochenschweizer

Ein Beitrag geteilt von Bene Schwimmbeck (@beneschwimmbeck) am

Bayerns Wirtschaftsministerium lobt hingegen: "Die Tourismusregion München und Oberbayern und die beteiligten Unternehmen profitieren insgesamt von einem attraktiven, ganzjährigen und wetterunabhängigen Freizeit- und Tourismusangebot und neuen Gästen." 

Dahinter steckt die Aktion

Warum Menschen auf solche Angebote anspringen? "Das Prinzip, das dahinter steckt, ist das, was man Aktion nennt", sagt der Soziologe Ronald Hitzler von der Technischen Universität Dortmund. Nervenkitzel wie im Kino, mit einer winzigen Unsicherheit: Es könnte auch schiefgehen. Die meisten Lebensbereiche seien sehr sicher, sagt Hitzler. "Mit einem Bürostuhl können Sie nicht mal mehr umfallen." 

Dem größeren Teil der Gesellschaft mangele es an nichts - "außer an Aktion, an Aufmerksamkeit, an "Besonderung"". Besitz sei nicht mehr spannend. Viele definierten mehr über Erlebnisse als über Güter. Es gehe auch um soziales Ansehen, Anerkennung und Selbstwertgefühl. "Ich kann den Freunden erzählen: Da habe ich etwas Irres gemacht." Schließlich lassen sich spektakuläre Erlebnisse auch persönlich vermarkten: als Selfie oder Video in den sozialen Medien etwa.

"Es ist nicht so, dass wir die Menschen erschrecken wollen - was zu einer Adrenalin-Ausschüttung führen würde. Sie müssen hier vor nichts Angst haben, sie müssen sich nicht überwinden." ​ Jochen Schweizer

"Menschen suchen nach besonderen Momenten, nach perfekten Augenblicken", sagt Schweizer. "Es geht nicht um Adrenalin, sondern um Endorphin" - um glückliche Momente." In seiner Arena sei alles extrem sicher. "Es ist nicht so, dass wir die Menschen erschrecken wollen - was zu einer Adrenalin-Ausschüttung führen würde. Sie müssen hier vor nichts Angst haben, sie müssen sich nicht überwinden." 

"Die Menschen haben immer geträumt, mit nichts als mit dem eigenen Körper zu fliegen, fast jeder hatte schon einmal diesen Traum." ​ Jochen Schweizer

Schweizer, der mit dem Motorrad vom Fernsehturm sprang und mit einem 1000-Meter-Sprung den Bungee-Weltrekord aufstellte, hatte 1989 bei München Deutschlands erste stationäre Bungeesprunganlage gebaut. Heute seien Tunnelfliegen und Wellenreiten besonders beliebt. "Die Menschen haben immer geträumt, mit nichts als mit dem eigenen Körper zu fliegen, fast jeder hatte schon einmal diesen Traum." 

Let"s Go Surfing!

Ein Beitrag geteilt von Stani Rocc (@stanirocc) am

Ideen schöpft Schweizer nicht nur aus sich selbst, sondern aus dem Pool seiner 550 Mitarbeiter - die meisten seien jung und sehr erlebnisorientiert. Auch das Baggern kam von ihnen. "Menschenskinder, das muss doch toll sein, mit einem großen Bagger ein Loch in einer Kiesgrube zu graben", zitiert Schweizer den Mitarbeiter. Alle hätten damals gelacht. Er habe es probeweise ins Programm genommen. "Und dann wird das gekauft ohne Ende. Weil es halt Spaß macht." 

Von Sabine Dobel, dpa
JETZT TEILEN

Mehr aus Event & Aktion