Verschnaufspause
«Atemwandern» in Südtirol. Foto: Andre Schoenherr/Hotel Gitschberg/dpa-tmn

Sport & Freizeit

Trend aus Japan: Wellness mit Waldbaden

Wellness unter Bäumen: Immer mehr Hotels und Reiseveranstalter schicken ihre Gäste zum Baden in den Wald - nass werden die Gäste dabei nicht. Der Trend kommt aus Japan. Was ist dran?

Professor Iwao Uehara schickt seine Patienten in den Wald. Der Forstwissenschaftler von der Universität Tokio lässt Menschen mit Burn-out zum Beispiel gefällte Bäume schleppen und nur das essen und trinken, was der Wald so hergibt. Was in Japan seit den 80er Jahren eine anerkannte Heilmethode ist, wird mittlerweile in abgeschwächter Form auch in Europapraktiziert: Shinrin Yoku, zu Deutsch: baden in der Waldatmosphäre. Oder einfach Waldbaden.

Hierzulande geht es dabei mehr um eine entschleunigende Freizeiterholung. Das Walderlebnis soll als Form des Wellness-Urlaubs die Batterien wieder aufladen. "Dr. Wald"als Therapeut für reizüberflutete Multitasker der Moderne?

Voll im Flow
Im Hotel «Das Kranzbach» bei Garmisch-Partenkirchen steht Yoga in der Natur auf dem Programm. Foto: Bodo Rickassl/Hotel Kranzbach GmbH/dpa-tmn

Von Atemübungen über Sinnesreisen bis hin zur Hängematte

Christine Müller ist so etwas wie die deutsche Pionierin der Waldwellness. Die ärztliche Leiterin des Hotels "Das Kranzbach" bei Garmisch-Partenkirchen spaziert mit Gästen in den Wald auf eine Yogaplattform und macht dort mit ihnen Atemübungen. "Der Wald ist ein Erlebnisraum, in dem man wunderbar zu sich selbst zurückfindet." Tatsächlich gibt es in vielen Regionen Deutschlands und im Alpenraum zahlreiche Waldbaden-Angebote und vergleichbare Wellness-Aktivitäten. Der Wald spielt etwa in der Niedersächsischen Landesgartenschau 2018 eine Rolle: Bad Iburg hat lokale Führer geschult, damit sie im Waldkurpark in der Nähe des neuen Baumwipfelpfades eine Sinnesreise moderieren. Im Westerwald und am Klimapfad in Oberstaufen kann man sich beim Waldbaden in eine Hängematte legen. Thüringen hat ein "WaldResort" am Nationalpark Hainich samt Expeditionen. In Österreich entstresst Uli Felber aus Graz Gäste verschiedener Hotels bei vierstündigen Workshops im Wald. In Flims in der Schweiz führt Waldbaden an einen Wasserfall und in Bettmeralp an den Aletschgletscher. Erholung im Wald ist ein Trend.

Wellness mit Waldblick
Im Hotel «Forstguthof» in Österreich können Gäste vom Pool aus die Aussicht auf Berge und Bäume genießen. Foto: Hotel Forsthofgut/ dpa-tmn
"Es geht nicht darum, einen Baum zu umarmen" Martin Kiem

Südtirol verknüpft bodenständige Regionalität mit traditionellen regionalen Heilmitteln. So führt die Hotelchefin und Kräuterpädagogin des "Hotels Gitschberg", Barbara Peintner, in Meransen ihre Gäste morgens zum "Atemwandern" in den angrenzenden Wald. Alles nur Esoterik? "Es geht nicht darum, einen Baum zu umarmen", sagt Martin Kiem. Der Südtiroler Psychologe und Wellbeing Coach geht mit Gästen im Meraner Land in den Bergwald. Langsam laufen, sitzen, an einen Baum lehnen, erinnern, träumen und die grüne Atmosphäre mit allen Sinnen aufnehmen - das bringe den Geist zur Ruhe. Um das Gesundheitspotenzial des Waldes für sich zu nutzen, brauche es kein organisiertes Waldbaden oder naturmystische Einstellungen.

Einfach mal durchatmen
Im «WaldResort» in Thüringen am Nationalpark Hainich gehört das Naturerlebnis zum Urlaub. Foto: Torben Eskerod/WaldResort am Nationalpark Hainich/ dpa-tmn

Nicht nur Erlebnisraum, sondern auch Heilwald

Es gibt aber auch in Deutschland medizinische Ansätze: Karin Kraft ist Stiftungsprofessorin für Naturheilkunde der Universitätsmedizin Rostock und begleitet den ersten europäischen Kur- und Heilwald in Heringsdorf auf Usedom wissenschaftlich. Dort turnen Asthma- und COPD-Patienten in der gesunden Küstenwaldluft an einfachen Geräten. Dass ihnen moderate Bewegung und tiefes Durchatmen im Heilwald guttun, davon ist Kraft überzeugt. Anstrengung im Wald gefällt auch Josef Hartl, Professor an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Seinen Forschungen zufolge profitiert man gesundheitlich am meisten vom Naturerlebnis, wenn man sich dabei aktiv bewegt. Die zahlreichen Waldbaden-Angebote gleichen jedoch eher Sinnesreisen, mit Achtsamkeit statt Action. Nach Ansicht von Hartl ist es wichtig, Wellness-Angebote mit Heilmitteln der Natur wissenschaftlich zu fundieren, um sie vom Wildwuchs esoterischer Angebote abzugrenzen. Wer skeptisch ist, kann mit einem Wanderurlaub im Wald anfangen.

Text von Karin Willen, dpa
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