Sport & Freizeit

Wenn viele nach Stille suchen, kann es ziemlich laut werden

Im Urlaub mal richtig abschalten und runterkommen - viele vom Arbeitsleben und Alltagsstress erschöpfte Zeitgenossen wünschen sich nichts sehnlicher. Wo aber findet man das noch als Urlauber? Denn: Wenn viele das gleiche Bedürfnis nach Ruhe und Erholung haben und vielleicht gar entsprechenden "Geheimtipps" folgen, ist die Stille oft schnell dahin.

Immer mehr Menschen suchen im Urlaub nach Ruhe, Entschleunigung und innerer Einkehr. Aber selbst im Kloster, das gemeinhin als "der" Tipp für Auszeit- und Ruhesucher gilt, gibt es nicht automatisch das ersehnte Gut, wenn viele Gäste das gleichzeitig möchten. Das Eifelkloster Steinfeld der Salvatorianer beispielsweise kommt als "Ort der Entschleunigung" mit seinen zwei Gästehäusern mitunter an seine Grenzen, wie Mitarbeiterin Ines Dombrowski einräumt. Insgesamt stehen dort 130 Zimmer mit 200 Betten zur Verfügung. Neben ruhigen Yoga-, Tai-Chi- und Meditationsgruppen übernachteten im Kloster auch Messdienergruppen, Schulklassen, Chöre und Tagungsteilnehmer.

Neben Klosterauszeiten sind hierzulande auch fernöstliche Stille-Retreats, Einkehr in Zen-Klausen oder buddhistischen Besinnungshäusern gefragt. Allen Unterkünften gemein ist das Eingebettetsein im Grünen, abseits von größeren Städten. Viele verbinden mit Ruhe und "Runterkommen" das Entspannen in unberührter Natur. Dort wird die Stille allenfalls durchbrochen von natürlichen, sanften Geräuschen: Blätter, die sich im Wind wiegen, Vogelgezwitscher, das Plätschern eines Baches. Beim Wandern, das derzeit boomt, ist so eine entspannende Naturkulisse zu haben - wären da in den beliebten Alpen und deutschen Mittelgebirgen nicht die anderen Erholungssuchenden. Wer abseits ausgetretener Pfade zur Ruhe kommen will, wird in den 16 deutschen Nationalparks wie in der Uckermark oder rund um den hessischen Edersee fündig.

Eifelkloster Steinfeld Klein
Foto: Oliver Berg/dpa

Skandinavien hat eine atemberaubende Natur - das spricht sich rum

Viel Platz bietet Stillesuchern auch das dünn besiedelte Skandinavien mit seiner atemberaubenden Natur. Doch das spricht sich rum. Beispiel Island. Noch vor 20 Jahren galt das Eiland im Nordmeer als Insidertipp, gab es bei den beliebten Wasserfällen Trampelpfade und allenfalls einen kleinen Kiosk. Inzwischen boomt dort der Naturtourismus; an den Hauptattraktionen gibt es breite Bohlenwege, komfortable Restaurants und gut bestückte Souvenirshops. Derweil scheint es in den Weiten Finnlands, Schwedens und Norwegens mit ihren Wäldern und zahllosen Seen noch abgeschiedene Orte und genug Stille für alle zu geben.

Schweden Klein
Foto: Allie Caulfield

Die grandiose Küsten- und Fjordlandschaft vorbeischweben zu sehen - diese Gelegenheit nutzen seit genau 125 Jahren Urlauber auf den Hurtigruten-Postschiffen. Dem ruhigen Treiben an Bord ist ein jähes Ende gesetzt, wenn sich zu vieleMitreisende an einer Stelle knubbeln - etwa um abends die magischen Nordlichter zu sehen. Das Gerangel der Fotografen um die besten Plätze, das aufgeregte Geplapper der Mitreisenden - die Stille ist futsch, der Zauber schnell dahin. Wohl dem, der nach Mitternacht noch wach ist und das Himmelsspektakel alleine genießen kann.

Stille ist ein rares Gut

Stille ist also ein rares Gut. Auch Buchautor Erling Kagge hat sie gesucht. Der Norweger ist ihr in die entlegentsten Gegenden der Welt - an die eisigen Pole der Erde, auf dem Meer und dem Mount Everest - hinterhergereist. Seine Erfahrungen hat er in dem philosophischen Essay "Stille" niederschrieben. Ohne Ablenkung, die den Menschen von sich selbst wegziehe, und zurückgeworfen auf sich selbst fand der Weitgereiste die interessanteste Stille schließlich in sich selbst. "Die Stille, die mir vorschwebt, findest du dort, wo du bist, und wenn du es willst in deinem Kopf. Ganz ohne Kostenaufwand." Kagges Fazit: Man müsse nicht eigens nach Sri Lanka reisen, "man kann Stille auch zu Hause in der Badewanne erleben".

Titelfoto: Karl-Josef Hildenbrand Text von Angelika Prauß
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